Samsung Electronics ist ein südkoreanischer Technologiekonzern, der mit Speicherchips, Auftragsfertigung, Smartphones, OLED-Displays und Haushaltselektronik der nach Umsatz größte Elektronikhersteller der Welt ist und derzeit vor allem vom Boom bei KI-Speicherchips lebt.
Der Konzern gliedert sich in vier Divisionen, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Device Solutions (DS) bündelt Speicherchips, Auftragsfertigung und eigene Prozessoren, Device eXperience (DX) verantwortet Smartphones, Fernseher und Haushaltsgeräte, Samsung Display (SDC) fertigt OLED-Panels, und Harman liefert Infotainment-Systeme fürs Auto sowie Lautsprecher der Marken JBL und Harman Kardon. Traditionell war DX der Umsatzanker und DS der Zykliker. Seit dem KI-Boom hat sich dieses Verhältnis umgekehrt: Im zweiten Quartal 2026 kam über 90 Prozent des Konzerngewinns aus der Halbleiterdivision DS, während die einst dominante Mobilsparte operativ sogar rote Zahlen schrieb.
Die Zahlen dahinter sind auffällig gegenläufig: Der Betriebsgewinn schoss im zweiten Quartal 2026 auf rund 89,4 Billionen Won, das Neunzehnfache des Vorjahreswerts, getrieben von Speicherpreisen, die binnen eines Quartals um 40 bis 60 Prozent stiegen. Der Umsatz von 171 Billionen Won verfehlte dagegen die Erwartungen der Analysten – ein Missverhältnis, das die Anleger nicht als reine Erfolgsmeldung lasen. Die Aktie fiel am Tag der Zahlen um mehr als sechs Prozent, obwohl der Gewinnsprung historisch ausfiel. Das Muster ist typisch für einen Speicherzyklus: Preise, nicht Absatzmengen, treiben das Ergebnis, und was schnell steigt, kann ebenso schnell wieder fallen.
Kern des aktuellen Booms ist High Bandwidth Memory (HBM), der Speicher, der KI-Beschleuniger mit Daten versorgt. Samsung hat die Massenproduktion von HBM4 im Februar 2026 gestartet und will die Kapazität bis Jahresende auf rund 250.000 Wafer im Monat steigern, ein Plus von 47 Prozent. Im Juni 2026 bestätigte Nvidia-Chef Jensen Huang, dass Samsung neben SK Hynix und Micron die Zertifizierung für die kommende Vera-Rubin-Plattform bestanden hat. Bei Googles Tensor-Prozessoren ist Samsung Berichten zufolge bereits Hauptlieferant für mehr als 60 Prozent des HBM3E-Bedarfs – ein Beleg dafür, dass der Konzern trotz aller Aufholnarrative längst kein Nischenanbieter ist.
Im Foundry-Geschäft, der Auftragsfertigung von Chips für fremde Kunden, ist Samsung weit von der Marktführung entfernt. TSMC kam im ersten Quartal 2026 auf einen Weltmarktanteil von 72,3 Prozent, Samsung auf lediglich 6,5 Prozent – der taiwanesische Rivale ist damit im Foundry-Geschäft elfmal größer. Der Abstand wächst tendenziell weiter, weil TSMC seine 2- und 3-Nanometer-Kapazitäten für Kunden wie Apple ausbaut, während Samsung bei Ausbeute und Prozessreife regelmäßig hinterherläuft. Mit geplanten Investitionen von umgerechnet rund 73 Milliarden US-Dollar allein für 2026 – mehr als TSMC selbst budgetiert – versucht der Konzern, die Lücke zumindest nicht noch größer werden zu lassen.
Auch beim margenträchtigsten Speicherprodukt ist Samsung nicht die Nummer eins. SK Hynix hält je nach Erhebung zwischen 53 und 63 Prozent HBM-Marktanteil und sicherte sich Schätzungen zufolge 60 bis 70 Prozent von Nvidias HBM4-Bestellungen für die Vera-Rubin-Generation, während auf Samsung nur rund ein Viertel bis 30 Prozent entfällt. 2025 überholte SK Hynix den größeren Rivalen erstmals sogar beim Jahresgewinn – ein Ergebnis, das Beobachter dem einstigen Nummer-zwei-Anbieter lange nicht zugetraut hätten. Samsungs Kapazitätsoffensive und frühe HBM4-Auslieferungen sollen den Rückstand bis Ende 2026 verringern, der Beweis dafür steht aber noch aus.
Im Smartphone-Geschäft, wo Samsung traditionell Weltmarktführer ist, verengt sich der Vorsprung: Im zweiten Quartal 2026 kam der Konzern auf 24 Prozent globalen Marktanteil, Apple auf 20 Prozent – ein knapperer Abstand als noch ein Jahr zuvor. In China spielt Samsung ohnehin kaum eine Rolle, dort führt Huawei mit 20 Prozent, während Apple dank des iPhone 17 kräftig zulegte. Zugleich ist Samsung Display für Apples erstes Falt-iPhone 2026 exklusiver OLED-Zulieferer und produziert auch für dessen übrige Premium-Reihe – der Konkurrent im Smartphone-Geschäft ist im Display-Geschäft zugleich einer der wichtigsten Kunden.
Die Antwort auf den technologischen Rückstand heißt Kapital: Mit rund 73 Milliarden US-Dollar plant Samsung für 2026 die größte jährliche Halbleiterinvestition eines einzelnen Unternehmens überhaupt, verteilt auf HBM-Kapazität, fortschrittliche Fertigungsprozesse und Advanced Packaging für Chiplet-Designs. Ein sichtbarer Vertrauensbeweis kam im Juli 2025, als Tesla einen Auftrag über 16,5 Milliarden US-Dollar unterzeichnete: Samsung soll bis 2033 die kommenden AI6-Chips im texanischen Werk Taylor in 2-Nanometer-Technik fertigen. Der Deal stützt das chronisch defizitäre Foundry-Geschäft und zeigt, dass zumindest ein Großkunde Samsung eine Rolle jenseits von Nvidia zutraut – zumal Tesla die Vorgängergeneration AI5 parallel bei TSMC fertigen lässt.
Über dem operativen Geschäft liegt eine Konzernstruktur, die für ausländische Aktionäre gewöhnungsbedürftig bleibt. Kontrolle fließt über eine Kette von Beteiligungen – von der Lee-Familie über die Handelsholding Samsung C&T und den Versicherer Samsung Life bis zur Electronics-Tochter –, mit der die Gründerfamilie den Konzern lenkt, obwohl sie direkt weniger als fünf Prozent der Aktien hält. Im Juli 2025 bestätigte der Oberste Gerichtshof den endgültigen Freispruch von Konzernchef Lee Jae-yong im jahrelangen Verfahren um die Fusion von Samsung C&T und Cheil Industries 2015, und im Mai 2026 zahlte die Familie eine Rekord-Erbschaftssteuer von rund 8 Milliarden US-Dollar, um die Kontrolle der dritten Generation zu sichern.
Dass die Rekordgewinne nicht überall gleich ankommen, zeigte der Mai 2026: Mehr als 47.000 Beschäftigte votierten mit 93 Prozent für einen 18-tägigen Streik am Halbleiterstandort Pyeongtaek, nachdem Lohnverhandlungen gescheitert waren. Die Belegschaft forderte, den Bonusdeckel von 50 Prozent des Jahresgehalts aufzuheben und 15 Prozent des operativen Gewinns als Bonuspool auszuschütten – ein direkter Verweis auf die höheren Löhne beim Rivalen SK Hynix. Eine vorläufige Einigung kurz vor Streikbeginn verhinderte den Produktionsausfall, doch das Signal bleibt: Pyeongtaek ist für die globale HBM-Lieferkette ein Nadelöhr, dessen Störung Kunden weit über Korea hinaus spüren würden.
Die Erfolgsgeschichte lässt sich in wenigen Zahlen erzählen: ein neunzehnfacher Gewinnsprung, eine Kapazitätsoffensive bei HBM4, ein diversifizierter Foundry-Kunde in Form von Tesla und eine Aktie, die im ersten Halbjahr 2026 um mehr als 200 Prozent zulegte. Nach Jahren, in denen Samsung von SK Hynix und TSMC gleichermaßen vorgeführt wurde, deutet vieles auf eine operative Trendwende hin, gestützt von einem KI-Speicherzyklus, der bislang keine Ermüdungserscheinungen zeigt. Die Nvidia-Zertifizierung für HBM4 und das Google-TPU-Geschäft belegen, dass Samsung in den wichtigsten KI-Lieferketten an mehreren Stellen unverzichtbar geworden ist.
Wer skeptisch bleibt, verweist auf dieselben Zahlen von der anderen Seite: Der Gewinnsprung stammt fast vollständig aus Speicherpreisen, die historisch so schnell fallen wie sie steigen, und die sprunghafte Margenausweitung binnen eines Quartals gilt manchen Analysten eher als Sondereffekt denn als Strukturwandel. Im Foundry-Geschäft bleibt Samsung mit 6,5 Prozent Marktanteil weit abgeschlagen, bei HBM4 führt weiterhin SK Hynix, und eine laufende US-Untersuchung wegen mutmaßlicher Patentverletzungen der Firma Netlist könnte im ungünstigsten Fall zu einem Importverbot für Samsung-Speicherchips in die USA führen. Dass die Aktie trotz Rekordgewinn prompt abverkauft wurde, deutet darauf hin, dass der Markt diese Zerbrechlichkeit bereits ahnt.
Zwischen diesen beiden Lesarten muss sich niemand entscheiden, der Samsung beobachtet, aber jeder, der die Aktie hält oder kauft. Der Konzern hat in wenigen Quartalen bewiesen, dass er im KI-Zyklus mitverdienen kann – doch er hat noch nicht bewiesen, dass er darin führen kann, weder bei Foundry noch bei HBM4, den beiden Feldern, die über die nächste Dekade entscheiden. Die Bewertung von Mitte 2026 nimmt bereits vorweg, dass beide Aufholjagden gelingen, während operative Risiken von Pyeongtaek bis zur Netlist-Klage zeigen, wie viele einzelne Dinge dafür richtig laufen müssen. Ob aus dem ewigen Zweiten tatsächlich ein Erster wird, bleibt eine offene Rechnung.