REKORDZAHLEN, FALLENDER KURS

MICROSOFT

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Die Microsoft Corporation ist ein 1975 gegründeter amerikanischer Software- und Cloud-Konzern mit Sitz in Redmond im US-Bundesstaat Washington. Sein Geld verdient das Unternehmen mit Rechenkapazität und Diensten der Azure-Cloud, mit Abonnements für die Bürosoftware Microsoft 365, mit Windows-Lizenzen sowie mit Suchwerbung, Spielen und Geräten.

01 Das Geschäft

Drei Segmente, ein Rekordjahr

Microsoft besteht aus drei Segmenten, von denen nur eines die Schlagzeilen bestimmt. Im Geschäftsjahr 2026, das am 30. Juni endete, erzielte der Konzern 331,8 Milliarden Dollar Umsatz, 18 Prozent mehr als im Vorjahr, bei einem Nettogewinn von 133,7 Milliarden Dollar – ein Plus von 31 Prozent. Das entspricht einer Nettomarge von gut 40 Prozent bei einem Unternehmen dieser Größe, eine Zahl, für die sich in der Industriegeschichte kaum Vorbilder finden. Getragen wird sie von der Bürosoftware, deren Abonnements planbar fließen, und von der Cloud, die das Wachstum liefert. Beides zusammen finanziert einen Investitionszyklus, der inzwischen das eigentliche Thema dieses Unternehmens ist.

Azure über hundert Milliarden

Das vierte Quartal zeigt die Struktur im Detail. Bei 90,0 Milliarden Dollar Umsatz stieg das operative Ergebnis auf 40,6 Milliarden, der Nettogewinn auf 35,8 Milliarden und der Gewinn je Aktie auf 4,81 Dollar. Das Segment Intelligent Cloud legte um 32 Prozent auf 39,3 Milliarden zu, Productivity and Business Processes um 14 Prozent auf 37,8 Milliarden. Azure allein wuchs um 43 Prozent, beschleunigt gegenüber den 40 Prozent des Vorquartals, und überschritt im Gesamtjahr erstmals die Marke von 100 Milliarden Dollar. Microsoft 365 Copilot zählt inzwischen über 30 Millionen bezahlte Plätze – die erste belastbare Umsatzspur der KI-Offensive jenseits der Cloud.

Windows, Xbox und der Stellenabbau

Das dritte Segment erzählt eine andere Geschichte. More Personal Computing, in dem Windows, Geräte, Suche und Spiele zusammengefasst sind, schrumpfte im Quartal um vier Prozent auf 12,9 Milliarden Dollar. Das Gaming-Geschäft kam im Geschäftsjahr auf 21,8 Milliarden Dollar, sieben Prozent weniger als im Vorjahr; die Xbox-Hardware fiel um 29 Prozent, die Erlöse aus Inhalten und Diensten im Schlussquartal um zehn Prozent. Am 6. Juli 2026 kündigte Microsoft den Abbau von rund 4.800 Stellen an, gut zwei Prozent der Belegschaft, mit Schwerpunkt in eben jenen Windows- und Xbox-Bereichen. Der Konzern finanziert seine Zukunft sichtbar aus der Substanz seiner Vergangenheit.

02 Der Wettbewerb

AWS, Google und die Mitte

Im Cloud-Geschäft steht Microsoft zwischen einem größeren und einem schnelleren Rivalen. Nach Marktanteilen führte im ersten Quartal 2026 Amazon Web Services mit 28 Prozent vor Azure mit 21 und Google Cloud mit 14 Prozent. Nach Wachstum kehrt sich das Bild um: Google Cloud setzte im zweiten Quartal 24,8 Milliarden Dollar um, ein Plus von 82 Prozent nach 63 Prozent im Quartal zuvor; AWS kam im ersten Quartal auf 37,6 Milliarden und 28 Prozent, das schnellste Tempo seit fünfzehn Quartalen. Azures 43 Prozent liegen dazwischen – solide, aber nicht mehr die Ausnahmegröße früherer Jahre.

Die Neuordnung der Modellpartner

Der eigentliche Wettbewerb hat sich eine Ebene höher verlagert, zu den Modellen. Am 27. April 2026 ordneten Microsoft und OpenAI ihre Partnerschaft neu: Die Exklusivität fiel, OpenAI darf über jede Cloud verkaufen, die umstrittene AGI-Klausel wurde gestrichen, und ein unabhängiges Expertengremium soll künftig verifizieren, wenn OpenAI das Erreichen künstlicher Allgemeinintelligenz erklärt. Microsoft behält die Rechte an OpenAIs Modellen bis 2032 und erhält bis 2030 weiterhin 20 Prozent Umsatzbeteiligung, nun aber mit einer Obergrenze. Parallel investierte Microsoft im November 2025 gemeinsam mit Nvidia fünf Milliarden Dollar in Anthropic, dessen Modelle über Microsoft Foundry laufen – womit Claude als einziges Spitzenmodell auf allen drei großen Clouds verfügbar ist.

Der Aufpreis für Copilot

Bei der Anwendung selbst wird der Wettbewerb unbequem. Über 30 Millionen bezahlte Copilot-Plätze klingen nach Durchbruch, stehen aber einer kommerziellen Microsoft-365-Basis von über 450 Millionen Nutzern gegenüber; Erhebungen zufolge nutzt nur ein Fünftel bis ein Drittel der bezahlten Plätze die Funktion wöchentlich. Gartner nennt die Wertrealisierung für 2026 ausdrücklich nicht garantiert, während eine von Forrester im Auftrag erstellte Untersuchung auf 116 Prozent Kapitalrendite kommt. Beide Aussagen beschreiben dasselbe Produkt. Solange Wettbewerber vergleichbare Funktionen ohne Aufpreis bündeln, bleibt der Aufpreis für Copilot eine Frage, die jeder Finanzvorstand einzeln beantworten muss.

03 Die Strategie

Bestellte Kapazität

Die Strategie lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: Für das Kalenderjahr 2026 plant Microsoft Investitionen von rund 175 Milliarden Dollar. Allein im Juniquartal beliefen sich Sachinvestitionen und Finanzierungsleasings auf 41 Milliarden, 69 Prozent mehr als im Vorjahresquartal, und der Konzern schloss neue Rechenzentrumsleasings über mehr als 130 Milliarden Dollar ab. Die Summe jener Leasingverpflichtungen, deren Laufzeit noch nicht begonnen hat, stieg binnen eines Quartals von 196,6 auf 329,1 Milliarden Dollar. Das ist bestellte Kapazität, die weder Umsatz erzeugt noch in der Bilanz steht – eine Wette auf Nachfrage, die erst noch eintreffen muss.

Fünfzehn Jahre werden fünfundzwanzig

Zeitgleich änderte Microsoft eine Annahme. Ab dem Geschäftsjahr 2027 schreibt der Konzern Rechenzentren und Bürogebäude über 25 statt über 15 Jahre ab, was die jährliche Abschreibung senkt und den ausgewiesenen Gewinn hebt; Finanzvorständin Amy Hood bezeichnete die Wirkung auf das Betriebsergebnis 2027 als minimal. Die Umstellung verschiebt zugleich Verträge von Finanzierungs- in Mietleasings, die nicht in die berichtete Investitionssumme einfließen – weshalb die Prognose für 2026 von rund 190 auf rund 175 Milliarden Dollar sank, ohne dass ein Dollar weniger ausgegeben würde. Kritiker halten dagegen, dass rund zwei Drittel der Investitionen in Rechenchips fließen, die in etwa sechs Jahren veralten.

Kapital, das als Umsatz zurückkommt

Der dritte Baustein ist die Konstruktion der KI-Partnerschaften. Microsoft investiert Kapital, der Empfänger verpflichtet sich im Gegenzug zu Azure-Abnahmen: 250 Milliarden Dollar im Fall OpenAI, 30 Milliarden bei Anthropic. Ein Teil des Cloud-Wachstums, das die Aktie trägt, entsteht damit aus Geld, das Microsoft zuvor selbst hineingegeben hat. Wie schwankend das ist, zeigt das Juniquartal: Aus der Anthropic-Beteiligung verbuchte Microsoft 3,2 Milliarden Dollar Gewinn und damit 33 Cent je Aktie, während die OpenAI-Beteiligung um rund 600 Millionen abgewertet wurde und sieben Cent kostete. Über das Gesamtjahr steuerte OpenAI dagegen fünf Milliarden Dollar bei.

04 Die Synthese

Zwei Beschreibungen stehen nebeneinander. Die eine: Microsoft hat das ertragreichste Jahr seiner Geschichte abgeschlossen, wächst mit 18 Prozent auf einer Umsatzbasis von 331,8 Milliarden Dollar, behält netto über 40 Prozent davon, hat Azure über die Marke von 100 Milliarden Dollar gehoben und mit Copilot erstmals ein KI-Produkt in nennenswerter Zahl verkauft. Die andere: Derselbe Konzern ist allein im letzten Quartal Rechenzentrumsverpflichtungen über 130 Milliarden Dollar eingegangen, verlängert Abschreibungsdauern, sieht sein Konsumentengeschäft schrumpfen und erklärt gleichzeitig gut 4.800 Stellen für verzichtbar.

Der Markt hat sich vorerst für die zweite Lesart entschieden. Ende Juli lag die Aktie rund 21 Prozent unter dem Jahresanfangskurs und damit am unteren Ende der großen amerikanischen Technologiewerte, rund 29 Prozent unter dem Allzeithoch von 555,45 Dollar; Ende Juni markierte sie mit 349,20 Dollar ihr Jahrestief. Zugleich stehen 42 Kaufempfehlungen mit einem durchschnittlichen Kursziel von rund 555 Dollar im Raum, was einer erwarteten Erholung von über 45 Prozent entspricht. Bezeichnend war die Reaktion auf die Zahlenvorlage: Nachbörslich stieg der Kurs zeitweise um sieben Prozent, ausgelöst nicht vom Rekordgewinn, sondern vom gesenkten Investitionsausblick.

Damit ist die Frage benannt, die dieses Unternehmen 2026 definiert. Sind die 175 Milliarden Dollar Jahresinvestition und die 329 Milliarden an Leasingzusagen in fünf Jahren ausgelastete Rechenzentren, dann kauft man heute den Marktführer eines neuen Infrastrukturzeitalters zu einem Kurs, der ein Rekordjahr ignoriert. Kommt die Nachfrage dagegen langsamer als die Kapazität, trifft die Abschreibung ein Unternehmen, dessen Bewertung auf Softwaremargen gebaut ist – und die verlängerte Nutzungsdauer verschöbe dann nur den Zeitpunkt. Dass der Kurs auf einen gekürzten Investitionsplan steigt und auf Rekordzahlen nicht, ist die ehrlichste Auskunft über den Stand dieser Debatte.