Celestica Inc. ist ein kanadischer Auftragsfertiger mit Sitz in Toronto, der Design, Fertigung und Lieferkettenmanagement für komplexe Elektronik anbietet – von Server- und Netzwerk-Hardware für Rechenzentren bis zu Geräten für Luftfahrt, Verteidigung, Industrie und Medizintechnik.
Celestica meldete für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 4,70 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, bei einem bereinigten Gewinn je Aktie von 2,54 Dollar nach 1,39 Dollar ein Jahr zuvor. Die bereinigte operative Marge kletterte auf einen Konzernrekord von 8,2 Prozent. Für das Gesamtjahr hob das Unternehmen die Prognose zum wiederholten Mal an: Umsatz von 20,5 statt zuvor 19 Milliarden Dollar, bereinigter Gewinn je Aktie von 11,30 statt 10,15 Dollar, freier Cashflow von 600 statt 500 Millionen Dollar. Für das dritte Quartal wird ein Umsatzwachstum von rund 69 Prozent in Aussicht gestellt – Zahlen, die für einen einstigen Elektronik-Lohnfertiger ungewöhnlich sind.
Getragen wird dieses Wachstum fast vollständig vom Segment Connectivity & Cloud Solutions, das inzwischen etwa drei Viertel des Konzernumsatzes stellt und im zweiten Quartal um 84 Prozent zulegte. Hier baut Celestica Server-Racks, Netzwerk-Switches und Kühlsysteme für die Rechenzentren der großen Cloud-Anbieter. Mit den neuen Switches der DS6000-Serie für 1,6-Terabit-Ethernet – einer luftgekühlten und einer hybrid-flüssiggekühlten Variante für dichter gepackte Racks – bietet das Unternehmen bereits die nächste Generation nach dem aktuellen 800G-Standard an. Nach Branchenschätzungen hält Celestica bei Ethernet-Switches ab 200 Gigabit inzwischen einen Marktanteil von rund 41 Prozent, deutlich vor Spezialisten wie Arista oder Accton.
Deutlich kleiner, aber überproportional profitabel ist das zweite Segment, Advanced Technology Solutions: Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Industrieautomation, Medizintechnik und Ausrüstung für die Halbleiterfertigung. Es macht nur noch rund ein Viertel des Umsatzes aus, liefert aber traditionell mehr als die Hälfte des Segmentgewinns – ein Gegengewicht mit langen Zertifizierungszyklen und hohen Wechselkosten für ein sonst stark zyklisches Geschäft. Celestica kam ursprünglich nicht aus der Technologiebranche, sondern aus IBMs kanadischer Fertigung: 1996 für 750 Millionen Dollar an die Beteiligungsgesellschaft Onex verkauft, 1998 mit dem damals größten Börsengang der Branche an die Börse gebracht – und wenige Jahre später vom Platzen der Dotcom-Blase in eine schmerzhafte Restrukturierung gezwungen.
Im Wettbewerb um die Hardware der Rechenzentren tritt Celestica gegen deutlich größere Auftragsfertiger an. Jabil steigerte sein Segment Intelligent Infrastructure zuletzt um 52 Prozent, Flex sein Cloud-and-Power-Infrastructure-Geschäft um 38 Prozent auf 6,6 Milliarden Dollar und kooperiert seit 2025 mit Nvidia bei Stromversorgungslösungen für Rechenzentren; für das kommende Geschäftsjahr stellt Flex in diesem Segment ein Wachstum von 65 bis 75 Prozent in Aussicht. Foxconn bleibt der mit Abstand größte Anbieter der Branche, verliert aber zunehmend Marktanteile an spezialisierte Wettbewerber in genau den Nischen, in denen Celestica zu Hause ist: komplexe, technisch anspruchsvolle Systeme statt reiner Stückzahl.
Der eigentliche Hebel liegt jedoch nicht im Vergleich mit anderen Auftragsfertigern, sondern in der Kundenstruktur. Im ersten Quartal 2026 entfielen 35, 15 und 15 Prozent des Umsatzes auf die drei größten Kunden – zusammen 65 Prozent –, die zehn größten kamen auf 78 Prozent. Besonders eng ist die Bindung an Google, für dessen TPU-Chips Celestica einen Großteil der Servermontage übernimmt. Wie fragil dieses Verhältnis wahrgenommen wird, zeigte sich im Frühjahr 2026: Ein Bericht des Branchendienstes DigiTimes, wonach Google Teile der Montageaufträge an den taiwanesischen Anbieter Inventec verlagere, ließ die Aktie an einem Tag um rund acht Prozent einbrechen – obwohl Celestica nach Einschätzung von RBC Capital dank höherer Fertigungsausbeute den Großteil des Volumens behielt.
Die Lieferkette ist als Antwort auf genau solche Risiken regional aufgeteilt: Nordamerikanische Werke bedienen die Hyperscaler, asiatische Standorte die Schwellenmärkte, während der Ausbau in Thailand und Mexiko dem „China Plus One"-Muster vieler westlicher Kunden folgt. Damit begegnet Celestica auch US-Zöllen nach Section 232 und Exportkontrollen für Halbleiter, ohne die Fertigung insgesamt zu verlangsamen. Auf der Komponentenseite bleibt das Unternehmen dennoch abhängig von einer Branche, die selbst an ihre Grenzen stößt: Engpässe bei Leiterplatten für KI-Server und bei Speicherchips, unter anderem ausgelöst durch Nvidias Umstieg auf neue Speicherstandards, verknappen Vorprodukte, auf die auch Celestica angewiesen ist – etwa bei der Fertigung von NVLink-Switchboards für Nvidias GB200-Plattform.
Der jüngste strategische Schritt ist zugleich der umstrittenste: Anfang August 2026 platzierte Celestica eine Kapitalerhöhung über drei Milliarden Dollar, rund 9,7 Millionen neue Aktien zu 310 Dollar je Stück. Die Zahl der ausstehenden Aktien stieg dadurch um rund 8,4 Prozent, der Erlös soll in Investitionen und Betriebskapital für den weiteren Kapazitätsausbau fließen. Der Markt reagierte mit einem Kursrutsch von 13 bis 15 Prozent, ein Analyst stufte die Aktie danach wegen der Verwässerung und der ohnehin ambitionierten Bewertung auf „Halten" zurück. Dass ein Unternehmen mit Rekordmargen und wachsendem freien Cashflow frisches Eigenkapital statt Fremdkapital wählt, lässt sich als Vorsicht lesen oder als Eingeständnis, dass das eigene Wachstum schneller Kapital verbraucht, als es selbst erwirtschaftet.
Diese Entscheidung fällt in ein Unternehmen, das erst seit wenigen Jahren wirklich unabhängig ist. Bis weit in die 2020er-Jahre hinein hielt die Beteiligungsgesellschaft Onex über eine Doppelstimmrechtsstruktur einen Stimmenanteil von mehr als 80 Prozent; inzwischen ist Onex vollständig ausgestiegen, und das Aktionariat verteilt sich breit auf institutionelle Investoren wie Fidelity, BlackRock und Vanguard, keiner davon mit einer beherrschenden Position. Eine Dividende zahlt Celestica nicht, in der Vergangenheit kaufte das Unternehmen zeitweise eigene Aktien zurück; heute fließt das Kapital in die entgegengesetzte Richtung. CEO Rob Mionis, seit 2015 im Amt und zuvor Chef des Luftfahrt-Dienstleisters StandardAero, verantwortet damit einen Konzern, der sich heute selbst finanziert, statt von einem Ankeraktionär geprägt zu sein.
Technologisch setzt Celestica auf den frühen Einstieg in neue Standards. Der Ausbau der US-Fertigungskapazität für Googles TPU-Systeme soll 2027 abgeschlossen sein und sichert dem Unternehmen mehrjährige Sichtbarkeit bei einem seiner wichtigsten Kunden – ein direkter Konter auf die Diversifizierungsgerüchte vom Frühjahr. Parallel investiert Celestica in Flüssigkühlung auf Rack-Ebene, ein Ingenieurwissen, das klassische Auftragsfertiger lange nicht brauchten und das mit dichter gepackten KI-Clustern zur eigentlichen Eintrittsbarriere wird. Die Kapitalerhöhung finanziert diesen Ausbau vor, statt ihn dem organisch erwirtschafteten Cashflow zu überlassen – eine Wette darauf, dass die Nachfrage nach dieser Hardware mindestens so lange anhält, wie die neuen Werke zum Aufbau brauchen.
Zwei Beobachtungen aus demselben Sommer 2026 passen nicht ohne Weiteres zusammen. Die eine: Celestica hat im zweiten Quartal einen Rekordumsatz von 4,70 Milliarden Dollar bei einer Rekordmarge von 8,2 Prozent gemeldet und die Jahresprognose zum wiederholten Mal angehoben, getragen von einer Marktführerschaft bei Hochgeschwindigkeits-Netzwerktechnik, die sich in einem Marktanteil von 41 Prozent ausdrückt. Die andere: Dieselbe Aktie ist seit ihrem Allzeithoch von 655,50 Dollar Anfang Juni um rund die Hälfte gefallen, teils wegen eines einzelnen Gerüchts über einen einzelnen Kunden, teils wegen einer Kapitalerhöhung, die das eigene Management für nötig hielt, obwohl der freie Cashflow gleichzeitig stieg.
Der Grund für diese Diskrepanz liegt nicht in den Zahlen, sondern in der Frage, wem sie gehören. Celestica ist kein Preisgeber, sondern ein Auftragnehmer: Drei Kunden stehen für 65 Prozent des Umsatzes, und was diese Kunden mit ihren eigenen Kapitalbudgets vorhaben, entscheidet über Celesticas Zukunft mehr als jede eigene strategische Entscheidung. Genau darin wiederholt sich ein Muster aus der eigenen Geschichte: Schon einmal, Ende der neunziger Jahre, finanzierte sich das Unternehmen über die Kapitalmärkte in eine Telekom-Kapex-Welle hinein, die abrupt endete und eine harte Restrukturierung erzwang. Die heutige Kapitalerhöhung, platziert mitten in einer historisch außergewöhnlichen Wachstumsphase, lässt sich als Fortsetzung dieser Lernkurve lesen – oder als Wiederholung des alten Musters.
Was dagegenspricht, ist real: Celestica ist heute technologisch differenzierter als vor zwanzig Jahren, mit Marktführerschaft bei Hochgeschwindigkeits-Switches, einem profitablen zweiten Standbein in Luftfahrt und Medizintechnik und ohne einen einzigen Aktionär, der im Ernstfall die Richtung vorgibt. Sollte die Nachfrage nach KI-Infrastruktur so anhalten, wie es die Prognosen für 2027 unterstellen, hätte sich die Kapitalerhöhung im Rückblick als kluger Vorgriff erwiesen und die aktuelle Bewertung als vertretbar. Sollte sie sich dagegen normalisieren, bevor die neuen Kapazitäten ausgelastet sind, stünde ein Unternehmen da, das genau in dem Moment frisches Kapital aufgenommen hat, in dem es am wenigsten gebraucht wurde. Beides ist im August 2026 gleich plausibel, und ein Kurs, der binnen zwei Monaten rund die Hälfte seines Wertes verlor, zeigt, dass der Markt selbst noch keine Antwort gefunden hat.