VORSCHUSS AUF DIE ZUKUNFT

AMAZON

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Amazon.com Inc. betreibt den weltweit größten Online-Marktplatz für Konsumgüter, das Cloud-Computing-Netzwerk Amazon Web Services (AWS) sowie ein digitales Werbegeschäft; der Konzern verdient an Produktverkäufen, Marktplatzgebühren, Cloud-Infrastruktur und Onlinewerbung.

01 Das Geschäft

Amazon hat das erste Quartal 2026 mit einem Umsatz von 181,5 Milliarden Dollar abgeschlossen, ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einem Nettogewinn von 30,3 Milliarden Dollar. Den größten Wachstumssprung lieferte AWS: Der Cloud-Bereich legte um 28 Prozent auf 37,6 Milliarden Dollar zu, das schnellste Tempo seit 15 Quartalen. Für das zweite Quartal, dessen Zahlen erst am 30. Juli vorliegen, hat das Management einen Nettoumsatz zwischen 194 und 199 Milliarden Dollar sowie ein operatives Ergebnis von 20 bis 24 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Wer bei Amazon nur an den Online-Versandhandel denkt, verkennt die Struktur: vier eigenständige Geschäftsmodelle tragen inzwischen das Ergebnis, und die Cloud-Sparte ist längst nicht mehr die einzige Wachstumsgeschichte im Konzern.

Das am schnellsten wachsende Geschäft ist inzwischen die Werbung. Im ersten Quartal setzte Amazon Ads 17,24 Milliarden Dollar um, ein Plus von 24 Prozent und mehr, als Analysten erwartet hatten; auf Jahressicht überschreitet der Werbeumsatz mittlerweile 70 Milliarden Dollar – mehr, als das gesamte AWS-Geschäft 2018 einbrachte. Gesponserte Produktplatzierungen, Werbung in Prime Video und auf Twitch sowie KI-gestützte Werbetools wie der Einkaufsassistent Rufus treiben das Wachstum, ergänzt um Partnerschaften mit Netflix, Comcast und Samsung. Werbeumsatz verlangt kaum zusätzliches Kapital und fließt fast vollständig in die Marge durch – ein software-ähnliches Geschäftsmodell mitten in einem Konzern, der sonst für kapitalintensive Lagerhallen und Rechenzentren bekannt ist.

Das dritte tragende Element ist der Marktplatz selbst: Unabhängige Drittanbieter erzielen inzwischen 60 Prozent aller auf Amazon verkauften Einheiten und zahlen dafür Gebühren für Logistik, Provisionen und Werbung, die zusammen 172,2 Milliarden Dollar einbrachten, ein Plus von 10 Prozent. Zum ersten Mal seit Beginn der Offenlegung im Jahr 2004 ist dieser Anteil zwei Quartale in Folge gesunken – von 62 über 61 auf zuletzt 60 Prozent. Es ist eine kleine Verschiebung, aber sie fällt in eine Phase, in der 86 Prozent der größten Verkäufer auf Amazons eigenen Versanddienst Fulfillment by Amazon setzen und damit tief in die Infrastruktur des Konzerns eingebunden sind, was einen Wechsel zu anderen Plattformen erschwert.

02 Der Wettbewerb

In der Cloud-Infrastruktur bleibt AWS die Nummer eins, wenn auch mit schwindendem Vorsprung. Laut den Marktforschern von Synergy Research hielt AWS im ersten Quartal 2026 einen Anteil von 28 Prozent am weltweiten Cloud-Infrastrukturmarkt, vor Microsofts Azure mit 21 und Google Cloud mit 14 Prozent; die drei Anbieter zusammen kontrollieren mehr als 60 Prozent eines Marktes, der insgesamt kräftig wächst. Azure und Google Cloud wachsen prozentual schneller, weil sie von einer kleineren Basis starten, doch genau diese Dynamik nährt die Sorge, dass AWS' strukturelle Führungsrolle langsam erodiert, selbst wenn die absoluten Umsatzzahlen von AWS weiterhin am größten im Markt sind.

Im Kerngeschäft Onlinehandel wächst der Druck von unten: Temu und Shein haben sich im Niedrigpreissegment mit Direktimporten aus China etabliert und zwingen Amazon zu einer defensiven Antwort namens Amazon Haul, das inzwischen über 3.000 Händler zählt. Parallel gewinnen auch etablierte Anbieter wie Walmart sowie neue Kanäle wie TikTok Shop reale Marktanteile im US-Onlinehandel – Amazon führt zwar weiterhin, doch die Konkurrenz kommt inzwischen von mehreren Seiten gleichzeitig. Ein neuer regulatorischer Faktor könnte die Balance verschieben: Die EU erhebt seit Juli 2026 eine Pauschalgebühr von drei Euro auf Pakete unter 150 Euro Warenwert aus Nicht-EU-Ländern – eine Regel, die Temu und Shein stärker trifft als Amazons etablierte europäische Logistik.

Im Wettlauf um KI-Rechenkapazität positioniert sich Amazon bewusst anders als die Konkurrenz: Statt sich ausschließlich auf Nvidia-Chips zu verlassen, hat der Konzern mit den hauseigenen Trainium-Prozessoren einen eigenen Weg eingeschlagen, der zusammen mit den ebenfalls selbst entwickelten Graviton- und Nitro-Chips auf eine Jahres-Run-Rate von rund 20 Milliarden Dollar kommt. Der KI-Anbieter Anthropic hat sich verpflichtet, über das kommende Jahrzehnt mehr als 100 Milliarden Dollar in AWS-Infrastruktur und Trainium-Kapazität zu investieren, während auch OpenAI ab 2027 rund zwei Gigawatt Trainium-Rechenleistung gesichert hat. Diese eigene Chip-Architektur ist eine Wette darauf, dass Unabhängigkeit von Nvidia langfristig Kosten senkt und Kunden bindet.

03 Die Strategie

Andy Jassys Strategie für 2026 lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: rund 200 Milliarden Dollar Investitionsausgaben, allein 44,2 Milliarden Dollar davon im ersten Quartal, ein Plus von 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Geld fließt in Rechenzentren, Stromkapazität und die erwähnten Trainium-Chips – eine Wette darauf, dass die Nachfrage nach KI-Rechenleistung mit dem Angebot Schritt hält, das Amazon gerade aufbaut. Analysten der Bank of America rechnen sogar mit einer weiteren Aufstockung auf bis zu 210 Milliarden Dollar. Es ist die aggressivste Kapitalallokation in der Unternehmensgeschichte, finanziert zu einem erheblichen Teil aus dem operativen Cashflow der profitablen Segmente Werbung und AWS.

Parallel zur Investitionsoffensive schrumpft die Unternehmenszentrale: Zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 strich Amazon in zwei Runden rund 30.000 Stellen im Verwaltungsbereich, etwa 9 Prozent der Büro-Belegschaft. Jassy begründet dies mit dem Ziel, dass der Konzern „wie das größte Startup der Welt“ agieren solle, und erwartet, dass KI-Effizienzgewinne die Zentrale langfristig weiter verkleinern. In den Lagerhallen wächst die Roboterflotte inzwischen schneller als die menschliche Belegschaft, die von 1,6 Millionen im Jahr 2021 auf rund 1,5 Millionen gesunken ist. Einem berichteten internen Strategiepapier zufolge plant der Konzern bis 2033 die Automatisierung von drei Vierteln aller Prozesse im Konzern.

Strategisch verfolgt Amazon damit zwei parallele Linien: nach unten verteidigt Amazon Haul das margenschwache Einstiegssegment gegen Temu und Shein, nach oben bindet die Kapitalspritze für Anthropic einen der aussichtsreichsten KI-Anbieter fest an die eigene Cloud-Infrastruktur. Beide Wetten kosten Geld, bevor sie Erträge bringen, und beide sind Ausdruck derselben Grundüberzeugung: Wer die Infrastruktur kontrolliert – Logistiknetz, Rechenzentren, Chips –, gewinnt langfristig unabhängig davon, wer im jeweiligen Endkundenprodukt gerade vorne liegt. Das ist die klassische Plattform-Logik des Konzerns, nur diesmal auf KI-Rechenleistung statt auf Pakete angewendet, mit entsprechend höherem Kapitaleinsatz und längerem Zeithorizont bis zur Bewährung.

04 Die Synthese

Die Kehrseite der Investitionsoffensive zeigt sich am deutlichsten im freien Cashflow: Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate ist er von 25,9 auf 1,2 Milliarden Dollar eingebrochen, ein Rückgang um rund 95 Prozent, weil die Investitionsausgaben binnen eines Jahres um 59,3 Milliarden Dollar gestiegen sind. Der Markt hat darauf reagiert: Die Aktie verlor allein in der Woche bis zum 23. Juli 8,5 Prozent und fiel unter ihre 50-Tage-Linie. Trotzdem hält die Bank of America an einem Kursziel von 310 Dollar fest. Zwischen diesen beiden Signalen – kollabierender Cashflow und unverändertem Kaufvotum – liegt die eigentliche Frage, die sich erst in den kommenden Quartalsberichten entscheiden wird.

Zur finanziellen Anspannung kommt eine wachsende Zahl regulatorischer Baustellen. Im Oktober 2026 beginnt der Prozess in der Kartellklage der US-Handelsaufsicht FTC, die Amazon vorwirft, seine Marktmacht zu Lasten von Sellern und Kunden auszunutzen; parallel prüft die Behörde eine weitere, potenziell milliardenschwere Klage wegen irreführender Werbeversprechen. Erst im Januar 2026 begann Amazon, im Rahmen eines 2,5-Milliarden-Dollar-Vergleichs Rückerstattungen an Prime-Kunden zu verschicken. Seit dem 22. Juli untersucht zudem ein Senatsausschuss Vorwürfe, wonach Amazon-Mitarbeiter in China Zahlungen für Vorteile an Verkäufer angenommen haben sollen – ein Vorwurf, der direkt den Marktplatz betrifft, auf dem 60 Prozent aller Einheiten von unabhängigen Drittanbietern stammen.

Amazon bleibt ein Konzern mit vier profitablen, wachsenden Standbeinen – Handel, Marktplatz, Werbung und Cloud –, der sich leisten kann, fast seinen gesamten operativen Cashflow in eine mehrjährige Wette auf KI-Infrastruktur zu stecken. Ob sich diese Wette auszahlt, hängt davon ab, ob Kunden wie Anthropic und OpenAI ihre milliardenschweren Zusagen tatsächlich in laufende Umsätze verwandeln, bevor die aktuell schwache Cashflow-Lage die Geduld der Anleger überstrapaziert. Die Bären-These ist deshalb keine Spekulation über die Unternehmensqualität, sondern über das Timing der Vorleistung: Amazon zahlt heute für eine Nachfrage, die erst noch kommen muss, während Kartellverfahren und eine Senatsuntersuchung im Hintergrund laufen.