Alphabet Inc. ist die 2015 gegründete Holdinggesellschaft von Google und Mutterkonzern der Segmente Google Services (Suche, Werbung, YouTube, Android), Google Cloud sowie der Sparte „Other Bets", zu der unter anderem das Robotaxi-Unternehmen Waymo zählt. Den überwiegenden Teil des Umsatzes erwirtschaftet der Konzern weiterhin über Werbeerlöse aus der Google-Suche.
Alphabet meldete für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 119,8 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr und deutlich über der Analystenerwartung von 116,9 Milliarden. Das operative Ergebnis stieg um 30 Prozent auf 40,8 Milliarden Dollar, die operative Marge kletterte auf 34 Prozent. Getragen wurde das Wachstum von allen drei Segmenten gleichzeitig: Google Services legte um 15 Prozent zu, angeführt vom Suchgeschäft mit einem Plus von 17 Prozent auf 63,3 Milliarden Dollar, während die YouTube-Werbung um 13 Prozent wuchs. Am stärksten beschleunigte sich jedoch Google Cloud, dessen Umsatz um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar sprang – nach 63 Prozent im Vorquartal.
Der Gewinn pro Aktie von 9,11 Dollar, fast das Dreifache der Konsensschätzung, erzählt allerdings nicht die ganze Geschichte. 6,26 Dollar davon stammen aus einem unrealisierten Bewertungsgewinn von 99 Milliarden Dollar auf Alphabets Beteiligungen an Anthropic und SpaceX – Buchgewinn, kein Cashflow aus dem operativen Geschäft. Bereinigt um diesen Effekt lag das operative Ergebnis je Aktie bei 2,62 Dollar und verfehlte damit die Schätzung von 2,63 Dollar knapp. Wer die Schlagzeile liest, sieht einen historischen Ausreißer nach oben; wer die Fußnote liest, sieht ein Kerngeschäft, das im Rahmen der Erwartungen lief, während der große Sprung aus einer Nebenwette auf einen Konkurrenten kam.
Google Cloud ist damit endgültig vom Wachstumsversprechen zum Ertragsbringer geworden: Das operative Ergebnis der Sparte stieg von 2,8 auf 8,8 Milliarden Dollar, mehr als verdreifacht binnen eines Jahres. Noch aussagekräftiger ist der Auftragsbestand, der sogenannte Backlog, der auf 514 Milliarden Dollar anwuchs und mehrjährige Verträge mit Unternehmenskunden abbildet, die sich nicht in einem einzelnen Quartal wieder auflösen lassen. Gleichzeitig verdoppelte sich der Kapitalaufwand für Rechenzentren und Chips im Jahresvergleich auf 44,9 Milliarden Dollar allein im zweiten Quartal, was den freien Cashflow des Konzerns erstmals seit Jahren ins Minus drückte, auf minus 5,9 Milliarden Dollar.
Im Cloud-Geschäft bleibt Google die Nummer drei hinter Amazon Web Services und Microsoft Azure, die im ersten Quartal 2026 mit 28 beziehungsweise 21 Prozent Marktanteil vor Googles 14 Prozent lagen. Beim Wachstumstempo hat sich das Bild im zweiten Quartal jedoch gedreht: Google Cloud legte um 82 Prozent zu, während AWS im selben Zeitraum um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar wuchs und Azure um rund 39 Prozent. Der Grund liegt tief in der Hardware: Google entwickelt seine Tensor Processing Units, kurz TPU, selbst und hat mit Broadcom eine mehrjährige Liefer- und Entwicklungspartnerschaft geschlossen, die bis 2031 reicht, ergänzt um Gespräche mit Marvell über zusätzliche Inferenz-Chips. Wer eigene Chips baut, statt sie bei Nvidia einzukaufen, verschiebt einen Teil der Marge vom Halbleiterhersteller zurück zum Cloud-Anbieter.
Im Wettbewerb um die Antwortmaschine der KI-Ära zeigt sich ein zweigeteiltes Bild. ChatGPTs Anteil an den Downloads von KI-Apps fiel von 69,1 Prozent Anfang 2025 auf 45,3 Prozent, während Googles Gemini-App im selben Zeitraum von 14,7 auf 25,2 Prozent stieg – ein direkter Erfolg der Integration in ein Milliarden-Nutzer-Ökosystem. Die klassische Google-Suche hält mit 89,87 Prozent weiterhin fast den gesamten Suchmaschinenmarkt. Rechnet man jedoch KI-Chatbots als eigenständige Alternative zur Informationsbeschaffung ein, ist Googles Anteil an diesem weiter gefassten Markt binnen drei Jahren von 89 auf unter 58 Prozent gefallen. Der Burggraben der klassischen Suche hält, das Feld um ihn herum verändert seine Form.
Ein dritter Wettbewerb spielt sich nicht zwischen Google und seinen Rivalen ab, sondern zwischen Google und den Webseiten, von deren Inhalten Suche und KI-Modelle gleichermaßen leben. Studien verknüpfen die KI-generierten Zusammenfassungen, die Google unter dem Namen AI Overviews über den Suchergebnissen zeigt, mit einem Rückgang der Klickrate auf die zugrunde liegenden Seiten um bis zu 58 Prozent; der Traffic der 500 größten Publisher soll um 27 Prozent gesunken sein. Verlage wie Penske Media und die Lernplattform Chegg haben deshalb Kartellklagen gegen Google eingereicht. Ein Geschäftsmodell, das die Inhalte des offenen Webs beantwortet, statt zu ihnen zu verlinken, gewinnt kurzfristig Verweildauer und riskiert langfristig, die eigene Rohstoffbasis auszudünnen.
Das strategische Kernversprechen des Managements für 2026 lautet: mehr Infrastruktur, koste es, was es wolle. Die Investitionsausgaben-Prognose wurde im Juli auf 195 bis 205 Milliarden Dollar angehoben, nachdem sie im Jahresverlauf bereits zuvor nach oben korrigiert worden war – mehr als das Doppelte der Ausgaben von 2025. Finanziert wird ein wachsender Teil davon nicht mehr allein aus dem operativen Cashflow, sondern über Fremdkapital: Der Zinsaufwand stieg binnen eines Jahres um fast das Fünffache, ein für Alphabet ungewohntes Muster nach Jahren einer praktisch schuldenfreien Bilanz. Das Management wettet darauf, dass Rechenkapazität in den nächsten Jahren knapper bleibt als Kapital.
Im April kündigte Google an, bis zu 40 Milliarden Dollar in Anthropic zu investieren, den Hersteller des Sprachmodells Claude – zehn Milliarden sofort, weitere 30 Milliarden an das Erreichen von Meilensteinen geknüpft. Im Gegenzug sichert sich Google eine Abnahme von fünf Gigawatt TPU-Rechenleistung über fünf Jahre, während Anthropic ausdrücklich auch auf Amazons Cloud-Infrastruktur verfügbar bleibt. Die Konstruktion ist doppelbödig: Google finanziert einen Konkurrenten, dessen Modelle in unabhängigen Tests bei Programmieraufgaben und Kontexttreue regelmäßig vor den hauseigenen Gemini-Modellen liegen, sichert sich damit aber sowohl einen Großkunden für die eigene Cloud als auch eine Beteiligung, deren Wertsteigerung – wie das zweite Quartal zeigte – die eigene Bilanz trägt.
Jenseits von Werbung und Cloud nimmt das dritte Standbein reale Formen an. Waymo transportierte im März 2026 rund 500.000 Fahrgäste pro Woche in zehn US-Städten und peilt bis Jahresende eine Million Fahrten pro Woche an; im Juli kamen San Diego, Las Vegas, Tampa und Denver hinzu, London und Tokio sollen bis Jahresende folgen. Anders als frühere „Other Bets" ist das kein Forschungsprojekt mehr, sondern ein Dienst mit zahlenden Kunden und öffentlich nachprüfbarem Wachstumstempo. Ob daraus je ein Geschäft wird, das im Konzernumsatz sichtbar auftaucht, ist offen – aber die Reichweite wächst schneller, als es Skeptiker des autonomen Fahrens noch vor zwei Jahren für möglich hielten.
Zwei Bilder passen nicht ganz zusammen, und beide sind wahr. Das eine zeigt einen Konzern, dessen Cloud-Sparte binnen eines Jahres von einer Wachstumsgeschichte zu einem 514-Milliarden-Dollar-Auftragsbuch gereift ist, der mit eigenen TPU-Chips schneller wächst als die beiden größeren Cloud-Anbieter, und der mit Waymo tatsächlich ein drittes Geschäft neben Werbung und Cloud aufbaut. Das andere zeigt einen Konzern, dessen spektakulärstes Quartalsergebnis zu zwei Dritteln aus einer Bewertungsaufwertung der eigenen Beteiligung an einem Konkurrenten bestand, dessen operatives Ergebnis je Aktie die Erwartungen knapp verfehlte, und dessen freier Cashflow im selben Quartal erstmals seit Jahren negativ wurde.
Der Markt selbst ist sich uneins: Die Aktie fiel nach den Zahlen am 22. Juli zunächst, weil Investoren die auf 195 bis 205 Milliarden Dollar angehobene Investitionsprognose als Warnsignal lasen, erholte sich gut zehn Tage später um mehr als fünf Prozent, nachdem Analysten dieselben Zahlen als Beleg für ungebrochene KI-Nachfrage neu interpretierten. Parallel dazu verdichtet sich ein regulatorischer Dreiklang: eine Berufung im Suchmaschinen-Kartellfall, eine noch ausstehende Entscheidung über eine mögliche Zwangsveräußerung des Werbetechnik-Geschäfts in Virginia, und ein frisches Bußgeld der EU-Kommission von 890 Millionen Euro nach dem Digital Markets Act. Keines dieser Verfahren allein bedroht den Konzern existenziell – in der Summe zeichnen sie das Bild eines Unternehmens, das seine Dominanz auf mehreren Rechtsordnungen gleichzeitig verteidigen muss.
Was bleibt, ist eine Wette mit zwei möglichen Ausgängen, die sich beide aus denselben Zahlen ableiten lassen. Wer der Cloud-Backlog-Zahl traut, sieht in den gut 200 Milliarden Dollar Investitionsausgaben den Preis für eine Führungsposition, die sich über das nächste Jahrzehnt auszahlt. Wer stattdessen auf die branchenweite Kluft zwischen Investitionssummen und tatsächlichem KI-Umsatz blickt – rund 700 Milliarden Dollar CapEx der vier großen Hyperscaler gegenüber schätzungsweise 25 Milliarden Dollar direktem KI-Erlös der gesamten Branche im Vorjahr –, sieht in denselben Zahlen ein Warnsignal, das nicht durch Alphabets eigene Ausführung, sondern durch die Kohorte als Ganzes ausgelöst werden könnte. Beide Leser haben dieselben Quartalszahlen vor sich liegen.